[Rezension] Romy Straßenburg: Adieu Liberté. Wie mein Frankreich verschwand

Ohne es geschenkt zu bekommen, hätte ich dieses Buch wohl nicht gelesen. Es war ein klarer Fall von „Populärliteratur, klingt gut, aber ob es das wert ist… Wahrscheinlich nicht“. Und dann las ich es eben doch. Und es hat sich gelohnt. Denn auch wenn ich nicht mit allem in diesem Buch d’accord bin (Sorry für diesen Wortwitz), gab es mir einen interessanten Einblick in eine Gesellschaftsgruppe, die ich versuche zu vermeiden: Reiche, junge, unglaublich privilegierte Menschen – die sich ihrer Privilegien zwar bewusst sind, aber doch überhaupt gar nichts tun, um etwas daraus zu machen.

Die Clique aus der Erzählerin und ihrem Umfeld von Journalist*innen bekommt nach den Anschlägen von Paris zum ersten Mal einen Eindruck davon, dass sie Weltpolitik tatsächlich betreffen könnte. Es ergeben sich Recherchen bei und Gespräche mit dem Präsidenten und in seinem Umfeld, während der Alltag weiterhin aus nihilistischen Gesprächen bei WG-Parties besteht und die Idee, als Deutsche aus Frankreich wegzugehen, als absurd angesehen wird. Diese privilegierten Positionen werden höchstens mal bei zu viel Alkohol reflektiert, dann aber auch schnell wieder zurückgenommen – während der zunehmende Rassismus im Land ebenfalls ausschließlich von außen erzählt wird.

Durch den Eindruck aus den vielen wichtigen Zirkeln, in denen die Protagonist*innen unterwegs sind und dadurch, dass sie tatsächlich in Paris leben, ergibt sich durchaus der versprochene Einblick darin, wie die französische Gesellschaft sich nach den Anschlägen veränderte und wie die vielgelobte und geliebte Offenheit gegenüber allem, das nicht auf den ersten Blick als stereotypisch Französisch und entsprechend weiß und mächtig ist, langsam verloren geht (wenn es denn jemals wirklich verbreitet war). Die Figuren werden aber immer unsympathischer dabei, wie sie das merken – und doch nicht einmal darüber nachdenken, sich einen Zentimeter aus ihrer Komfortzone zu bewegen, um etwas dagegen zu tun.

„Um kein Bobo [Burgeouis-Bohème] zu sein, müsste ich aus Paris wegziehen, dem Konsum abschwören, die Welt verbessern oder gleich politisch aktiv werden.“

(S. 21)

Und eben das liegt für alle wichtigen Personen – und ihre realen Vorbilder und ihr reales Milieu – eben nicht auf dem Tisch. Und das macht das Buch tatsächlich so gut, auf einer realistischen Ebene. Es ist der Versuch von Menschen, sich abgesehen von ein paar Makeln als „die Guten“ darzustellen, der in eben diesem Versuch scheitert. Aber eben das macht das Buch auch vor allem deprimierend. Und… lehrreich. Aber eben nur, wenn man nicht von den entsprechenden Strukturen der Unterdrückung betroffen ist und schon lange weiß, wie die und das Nichthandeln der Privilegierten sich anfühlen.

Denn die Figuren sind so nah dran zu merken, wie viel zu eigentlich tun müssten und könnten:

„Hätten wir uns nicht mit unseren Universitätsabschlüssen, unseren Erasmus-Semestern, unseren Praktika nicht etwas ausdenken müssen für jene, die [das nicht hatten]? Stattdessen sitzen wir sonntags gemütlich vor einem Cappuchino und lesen [das] Zeit-Magazin.“

(S.46)

Und doch tun sie nichts. Vielleicht machen es ja ein paar Lesende dieses Buches besser.
Hoffentlich.


[CNs: Terror(anschlag), Mord, Diskussion von Rassismus aus einer privilegierten Position heraus, Diskussion über Konsens, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung]

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