Buch "Die 13 Gezeichneten, Band 3: Der Krumme Mann der Tiefe" von Judith und Christian Vogt, vor einem Bücherregalbrett

[Rezension] Judith und Christian Vogt: Die 13 Gezeichneten – Der Krumme Mann der Tiefe

Ich danke Judith und Christian Vogt sowie dem Verlag Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar! Es war mir eine große Freude.

Die 13 Gezeichneten – Der Krumme Mann der Tiefe ist der dritte Band der Fantasy-Serie Die 13 Gezeichneten. Ich rezensiere hier ausschließlich diesen dritten Band und spreche nur in Bezügen von den ersten beiden Bänden der Reihe. Diese Rezension spoilert keinen Inhalt des dritten Bands, durch die kurze Darstellung der bestehenden Situation und der Nennung der weiterhin handelnden Figuren in diesem Band 3 können Spoiler für die übergeordnete Handlung in Band 1 und 2 jedoch nicht vermieden werden.


Ein dritter Band ist nicht einfach. Lesende müssen oft nicht nur die groben Plotstrukturen der Vorbände im Kopf haben, sondern im Idealfall auch noch die Punkte der Charakterentwicklung von einzelnen Figuren (und Namen, Orte und Geschichten dahinter natürlich). Immerhin soll sofort in den Plot eingestiegen werden! Zu viel Erklärung ist inzwischen nahezu verpönt, aber sehr oft begegnet mir auch zu wenig davon. Und manchmal bin ich dann eine Lesende, die dann doch das dritte Buch noch einmal weglegen und sich auf die Suche nach den eigenen Notizen machen oder gar noch einmal vorige Bücher querlesen muss.

In diesem Fall hatte ich beim Warten auf den Buchversand noch Band 1 und 2 ein weiteres Mal gelesen. Aber es wäre nicht nötig gewesen. Zu gut harmonieren hier Klappentext, wiedererkennbare Figuren und einzelne Halbsätze, die sie und die Situation zu Beginn des Buches wieder in Erinnerung bringen. Und die Handlung muss auch nicht warten – denn die Halbsätze werden nebenbei eingeworfen, während schon wieder ab Seite 1 der Plot beginnt. Und damit wird Lesenden noch direkt beim Fallen in den Plot hinein eine kleine Sicherheit dabei gegeben. Nur in diesen Plot hineinstolpern müssen sie noch selbst.

Und der Plot des dritten Bandes ist einfach gut. Interessant, mit eigenem Anteil und eigenem Spannungsbogen, und trotzdem so passend für einen dritten und letzten Band. Schon der Klappentext und die Ankündigung hat mir verraten, dass sich Sygna und Aquintien in diesem Buch einem gemeinsamen Feind stellen müssen. Das löst immer gemischte Erwartungen bei mir aus. Einerseits kann es als einziger Plot ungefähr so glaubwürdig werden wie in Batman vs. Superman – andererseits bietet es völlig neue Ebenen von spannenden Figurenkonstellationen und -interaktionen, die ich bei gut begründeten und gut geschriebenen Zusammenschlüssen von feindlichen Gruppen oft mit am meisten im ganzen Buch genieße.


Ich wurde nicht enttäuscht. Der Plot dieses Bandes war logisch, er war in sich gut aufgebaut, er war spannend – und vor allem brachte er nicht nur einige verstreute Figuren (und einige bisher fast unbekannte) wieder zusammen, sondern er gab auch all diesen Figuren einen eigenen Handlungsstrang. Dadurch hatten alle noch eine Chance zu weiterer Entwicklung – sie zeigten noch einmal Stärken, Schwächen, ihre Hintergründe und all das, was diese Gruppe an dreidimensionalen, ausführlich ausgearbeiteten Figuren so schön zu beobachten macht. Und sie wuchsen mir noch mehr ans Herz, bis ich sie notgedrungen am Ende der letzten Seite gehen lassen musste.

Ich weiß jetzt schon, dass ich sie vermissen werde. Den Dichter Ismayl und seine Worte, die in jeder einzelnen Äußerung erblühen. Den Fechter Davyd, der ganz am Anfang die Einführung übernahm und sich zu so einer düsteren, durchweg guten und trotzdem noch interessanten Heldenfigur entwickelt hat, wie ich sie nur selten sehe. Kilianna, die nicht einfach ihre Privilegien als reiche Herrschende und Profitierende der Zustände abwirft, sondern sich auch damit beschäftigt, dass das manchmal schwerfällt – und fechten lernt (lernen darf, ohne weniger stark zu sein!). Elisabetha, die geliebte Kämpferin, die nebenbei riesige Waffen schmiedet und trotzdem gegen toxische Maskulinität kämpft, statt sie selbst anzunehmen.

Elena als neue Figur, die so viele Züge von Sexarbeiter*innen trägt, dass sie in jedem anderen Setting nur abwertend hätte auftreten können – und hier Stärke und Charakter bekommt, und trotzdem nicht immer nur gerettet werden oder retten muss. Straßenmädchen Jendra, die wohl mit die größte Entwicklung durchmacht und so ein Spiegelbild der größeren Handlung wird, die sich von kleinen Konflikten auf die ganz großen verlegt. Lidia, von der ich mir so gewünscht habe, sie würde noch wichtig werden, und die dann genau im richtigen Moment Teil des Hauptplots wurde. Neigel, der eigentliche Held dieser gesamten Geschichte, der mal nicht mit Schönheit oder Wortkunst oder Kampf bestechend wirkt, sondern mit seiner Ehrlichkeit und seiner Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Lysandre, der dreidimensionale Villain, der es geschafft hat, dass ich ihn nicht mehr nur noch hasse – weil er nicht nur toxisch männlich böse ist, sondern auch eine Agenda hat, die sich von auf dem Papier noch Mächtigeren absetzt. Und alle anderen, weil die Aufzählung aller Einzelner den Rahmen sprengen würde.


Der Plot wurde durch all die kleinen Plots der vielen Hauptfiguren dann doch etwas dicker gestrickt. Aber alles blieb verbunden mit dem Plot dieses dritten Bandes, und mit dem Plot um Sygna selbst, und um den der Rebellion, die bereits in Band eins zu schwelen begann. Und plötzlich sind viele Erzähler*innen (in 3. Person), gar nicht mehr verwirrend, wenn die Figuren noch entschiedener in ihrer Ausrichtung werden, wenn jede weitere Entwicklung sie in meinem Kopf nur noch mehr zementiert und jede weitere Wortmeldung sie in meiner Vorstellung noch lebendiger macht. Ich habe bei einem Cast von mehr als drei Figuren oft schon Probleme mit dem Trennen der Figuren selbst und der Zuordnung der Namen, und hier hat es problemlos mit mehr als zehn funktioniert. Ich bin immer noch etwas überrascht und vor allem begeistert davon.

Dabei wäre so viel Weiterentwicklung und Detailzeichnung nach den ersten beiden Bänden kaum noch nötig gewesen, um eine generelle Immersion in die Handlung zu fördern. Ich hatte bereits erwartet, dass mich die Handlung mit jeder Seite in den Band ziehen würde, aber es passiert mir wirklich selten, dass es jeder Nebenplot tut, jeder Satz, jede wörtliche Rede, weil eben doch jeder Satz notwendig ist, jede Äußerung klar ausführlich bearbeitet und zugespitzt. In diesem Buch ist kein einziger Satz unnötig.

Und all diese kleinen Plotstränge – selbst an sich schon so gut, dass ich Geld für noch so kurze Kurzgeschichten ausgegeben hätte – waren auch nicht nur Worldbuilding, sondern durchgehend plotrelevant. Der Strang an gesammelten Plots und der Haupthandlung woben sich problemlos zusammen. Immer waren die richtigen Figuren am richtigen Ort, immer konnte an den spannendsten Stellen an einen anderen Ort gewechselt werden (und das fast ohne auch nur kleine Zeitsprünge!), und so sehr die Leserin in mir das hassen musste, so sehr hat die Autorin in mir das bewundert. Ich kann nur anfangen, mir vorzustellen, was die Koordination gefordert haben muss: Das Planen von Handlungen in zwei Städten, einer unterirdischen Welt, eines Krieges und so vielen Kilometer dazwischen mit teilweise fünf parallelen Handlungen (und das nur die, bei denen gerade etwas passierte)! Spätestens auf dem Ende des ersten Viertels des Buches habe ich einerseits schon erfolglos nach Worten für meine Bewunderung dieser Architektur gesucht – und darauf gewartet, dass ich jetzt doch noch mitschreiben musste, um mitzukommen.

Aber das war nicht nötig. Und das ist wohl neben den wunderbaren Figuren mein zweiter großer Aspekt, den ich an diesen Büchern liebe, und der hier am meisten zum Tragen kam: Ich wurde an die Hand genommen, ohne dass es langweilig wurde. Es hat es besser gemacht. Lauter eingefädelte Nebensätze ließen mich endlich so viele der Seitenhiebe auf andere Figuren bemerken, so viele Anspielungen auf Popkultur, Nebenverweise auf Worldbuilding und fiktive Geschichte. Und so baute sich ein Bild, das ich so nur von Büchern kenne, die mir ein Glossar dafür geben müssen. Hier können sich Lesende einfach ein eigenes Bild machen, und die Kommentierung ist nicht nur Teil des Plots oder der Kommunikation zwischen Figuren, sondern auch einfach so schön geschrieben, dass auch mal ein bisschen Info am Stück einfach spannend ist. Untypische Ergänzungen im Worldbuilding machten es perfekt: Thematisierter Rassismus von Anfang an, Diskurse über Feminismus und darüber, wie inklusiv auch eine Revolution sein sollte. Queere Figuren und ein Diskurs um ihre Rechte waren dabei noch eine willkommene Ergänzung – und machten die Bücher auch als Ganzes zu einem Werk, dass ich nicht mehr aufhören werde zu empfehlen.


Dieses Buch hat keine Pausen zum Durchatmen. Das hier ist keine Serie mit drei Staffeln zu viel, und hier fehlt auch kein Band, auch wenn ich ohne Zögern noch zehn weitere Bücher mit diesem Cast lesen würde – und ich bin bisher durch keine einzige Serie mit Büchern dieses Formats durchgekommen. Die Figuren fallen rückwärts in neue Plots, sie bilden neue Allianzen, und dabei hat sich nebenbei in den letzten zwei Bänden auch schon so viel getan, dass es sogar Konstrukte gibt, in denen Figuren sich wiedersehen und ich ihnen dabei zusehen kann, welche Eigenarten, Ausdrücke und Verhaltensweisen sie von ihrer Zeit mit anderen Figuren mitgenommen haben. Diese Buchreihe ist keine Serie, aber vor meinem Auge entstand eine. In so viel mehr Details als üblich, dass ich fast das Gefühl habe, eine gesehen zu haben. Aber nur fast. Denn den Schreibstil, die kleinen Sticheleien (auf Figuren, den Plot, aber auch den Status Quo in unserer Wirklichkeit außerhalb des Buches), Nebensätze, Tonarten, Beleidigungen, eingespielte Selbstverständlichkeiten haben mich zu sehr begeistert – und all das möchte ich so wenig missen wie der Dichter Ismayl es genießen würde.

Gerade das Betrachten der Dichtkunst als Handwerk ist so wichtig in dieser Buchreihe, und das macht sie noch mehr zu einem Schatz auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Mit dem Lesen, mit dem Erfreuen an jedem Satz und jeder Seite, bin ich der Stadt der Zünfte und ihrer Magie noch näher, und das wird sich – wie bei den guten Geschichten – auch bei jedem weiteren Lesen nicht ändern.

Sygna wäre stolz auf diese Bücher.


[Content Notes für das Buch: Suizid (Erwähnungen, kurze Live-Szenen unwichtiger Nebenfiguren in vielen Untergrund-Szenen), Vergewaltigung (Erwähnung), Ableismus in Beleidigungen / abwertenden Adjektiven und Teilen der Figurenanlegungen und gegenüber einer behinderten Figur, eine exotisiert angelegte PoC-Villainfigur, Gedankenkontrolle; Genre-typische Konventionen (teilweise Misogynie, Homofeindlichkeit, Sexarbeiter*innenfeindlichkeit, binäres Zweigeschlechtersystem, Gewalt, Folter, Mord, Tod, Entführung, Blut)]


Judith und Christian Vogt: Die 13 Gezeichneten, Bd. 3 – Der Krumme Mann der Tiefe
Bastei Lübbe, 624 Seiten
ISBN 978-3-404-20962-0

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