Buch "Die Jahresprinzessin" von Leni Wambach vor einem Bücherregal

[Rezension] Leni Wambach: Die Jahresprinzessin – Blüte der Ewigkeit

Ich danke Leni Wambach sowie Carlsen Impress für das Rezensionsexemplar! Ich hätte sonst so etwas Goßartiges verpasst.

[Content Notes für die Rezension: Sexuelle Übergriffe]

Ich wurde überrascht. Mit Fantasy und einem queeren Pairing war „Die Jahresprinzessin“ schnell ein Buch, das ich interessant fand. Ich erwartete eine halbwegs solide Welt, meine üblichen paar Probleme bei nicht so hundertprozentig logischen und immer so unglaublich konservativen und eintönigen Fantasywelten und einen ganz coolen Plot. Und eben einmal wirklich existente queere Repräsentation, keine einzelne Figur mit einem einzigen Satz in einer Selbsthilfegruppe. Stattdessen bekam ich mit diesem Buch so viel mehr als das.

„Die Jahresprinzessin“ erzählt von einem spannenden Plot rund um auf der Kippe stehende Magiekonzepte, Intrigen und eine grausame Königin- in der Welt der Fae. Und der Teil hätte mich fast ebenfalls abgeschreckt nach zu vielen Feengeschichten (und internalisierten misogynen Vorurteilen darüber). Zumindest blieb immer noch ein wenig Angst, der Plot würde weniger Spannung hervorbringen als andere Fantasy oder weniger düstere Aspekte, die den hübsch-magischen dann zu einem dreidimensionalen und vielschichtigen Plot ergänzen würden.

Wieder einmal hatte ich Unrecht. Genau diese Vielschichtigkeit der Stimmungen war das, was dieses Buch so ausmachte. Die Welt ist auf den ersten Blick wunderschön und auf den zweiten unglaublich düster, und jede weitere Seite Worldbuilding hat mich mehr an die Stimmung in „Snow White and the Huntsman“ erinnert. Doch hier wird zusätzlich noch eine eigene Geschichte ganz ohne literarische Vorbilder erzählt. Eine Welt wird aufgemacht, in der niemand altert. Und wie genau das funktioniert, wird erst klar, als die Protagonistin Marlowe für die Ehre ausgewählt wird, die Jahresprinzessin zu sein – ein Jahr lang am Hof zu leben und damit durch etwas eigene Lebensenergie die Unsterblichkeit der Unsterblichen in ihrer Welt aufrecht zu erhalten.

Doch das Leben am Hof wird schnell düster. Und dann beginnt ein Plot voller Mystery, Dunkelheit und eine ganz neue Ebene der Fantasy, die nur noch teilweise unterbrochen wird von willkommenen Momenten der Wortspiele und unsicheren Gespräche in einer ersten Beziehung. Ansonsten stürzen auf einmal Machtspiele, Intrigen und Figuren auf die Lesenden ein, die nicht das sind, was sie scheinen – und natürlich auch ein paar Figuren, die sich mit dem Status Quo der düsteren Magie an der Macht nicht abfinden wollen. Dabei werden wundervolle Welten erschaffen, unterschiedliche und ausgearbeitete Orte, und sie sind von ebenso unterschiedlichen Figuren bevölkert.

Und hier kommt auch endlich die lesbische Beziehung ins Spiel. Marlowe entwickelt sich nicht nur schnell von einer unsicheren, aber verständlichen und kaum nervig-naiven Protagonistin zu einer, die die Gegebenheiten hinterfragt. Und lernt, auf ihre Gefühle zu hören und ihre Instinkte zu nutzen. Denn hier passiert das inmitten eines romantischen Plots, und nichts ist so vorhersehbar, wie das klingt, als Marlowe sich in eine Frau verliebt. Denn auch in dieser Welt ist das nichts, was einfach als genauso normale Möglichkeit im Raum steht wie eine heterosexuelle Beziehung und ein heteroromantisches Verlieben, und Marlowe muss sich jede Sicherheit in diesen Gefühlen so schwer erarbeiten wie Menschen in der Welt der Lesenden. Dabei habe ich regelrecht mitgezittert. Und mitgelächelt, als die beiden Verliebten umeinander herumtänzelten, lachten und halbe Bekenntnisse austauschten, um dann doch wieder unsicher zu sein und sie zurückzuziehen.

Dass diese zweite Hauptfigur dann noch einen ganz eigenen Plot hat, war dann der Punkt, der das Buch für mich von einem guten zu einem wirklich fesselnden machte. Dieser Plot ist durchaus etwas voraussehbar, aber das stört nicht, er ließ mich ein wenig darauf warten wie bei einer Serie, bei der die Zuschauer mehr wissen – und das Aussprechen dieser Hintergründe war der stärkste Moment im Buch. Die Spannung lud sich auf, die Figuren veränderten sich mit der laufenden Vorbereitung darauf, sich diesem Machtkampf um die Magie und die Welt zu stellen, und dabei wurden immer wieder feministische Anliegen diskutiert. Und nebenbei gab es eine der realistischsten, ehrlichsten Darstellungen von sexuellen Übergriffen, die ich kenne. Inklusive eigener Selbstabwertung dabei und einem längeren Prozess davon, sich langsam davon überzeugen zu lassen, dass wirklich Schlimmes passiert ist.

Und dann gibt es immer wieder die unsicheren Gefühle der Verliebten, die ein so guter Gegenpunkt zu den Intrigen, der Politik und dem beginnenden Krieg sind. Nie wurde es langweilig. Die Figuren sind glaubwürdig verliebt, glaubwürdig unsicher und versuchen so nachvollziehbar, diese neuen Themen zu navigieren. Ich habe selten so niedliche Figuren getroffen und solche, mit denen ich so mitgelitten habe, wenn doch wieder die Unsicherheit siegte.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass das Buch immer noch von zwei Geschlechtern ausgeht und an wenigen Stellen einzelne biologistische Konstruktionen dafür referenziert. Ansonsten stolperte ich nur ein bisschen über ein paar Dialoge ganz am Anfang, als Marlowe noch sehr neu am Hof war und dabei noch nicht herausfinden wollte, was gespielt war und stattdessen einseitige, etwas wiederholende Konversationen erzählt werden.

Ich kann das Buch dringend empfehlen.

[Content Notes für das Buch: Sexuelle Übergriffe, Krieg, Gewalt, Waffen (Bogen, Schwerter, andere Hieb- und Stichwaffen), Entführung (auch: Entführung als Kind in Referenzen)]

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