[Rezension] Leni Wambach: Die Jahresprinzessin – Klinge der Zeit

Ich danke Leni Wambach sowie Carlsen Impress für das Rezensionsexemplar!

Dies ist eine Rezension zu einem zweiten Teil, die Spoiler für den ersten Teil enthält. Für eine Rezension zum ersten Teil bitte hier weiterlesen.

[CN für die Rezension: Verweis auf sexuelle Übergriffe]


Ich bin immer ein wenig skeptisch, wenn ich zweite Teile lese. Wird der Ton und der Fluss aus dem ersten Teil halten? Werde ich trotzdem so abgeholt, dass ich nicht mehr jedes einzelne Detail aus dem ersten Teil zitieren können muss? Und bleiben die Figuren, wer sie sind, nachdem sie teilweise schon einen ganzen Handlungsbogen an Charakterentwicklung abgeschlossen haben?

Ich habe Die Jahresprinzessin – Blüte der Ewigkeit sehr gern gelesen, und die Beziehung zwischen Marlowe und Charis sehr genossen. Das Verfolgen ihres Kennenlernens und ihrer langsam wachsenden Liebe war ein Privileg, und ihre Plots und Entwicklungen waren wunderbar zu sehen. Genau deshalb war ich ein wenig skeptisch, was das für einen zweiten Teil bedeuten könnte. Immerhin hatten die beiden noch ein großes Geheimnis zwischen sich stehen, als der erste Band endete – und waren praktisch Welten voneinander entfernt.

All das schien wie der Klappentext auf mögliche Schwierigkeiten in der Beziehung hinzuweisen. Und ich war ganz kurz unsicher, ob es jetzt doch Ärger geben würde, ob Homofeindlichkeit ein großes Thema werden würde oder ob es ein Plot werden würde, der nur noch von Streit durchzogen war (bei allem Interesse an menschlichen Seiten von Figuren in Fantasy-Kriegs-Settings tut mir das leider doch manchmal etwas weh und ich lese es nicht gern). Aber meine Angst blieb unbegründet. Marlowe und Charis bekamen Schwierigkeiten, aber sie kamen teilweise von außen und teilweise von innen. Diese Schwierigkeiten sind nicht nur verständlich und nehmen lose Enden des Plots im ersten Band auf, sondern sie werden auch respektvoll von den beiden ausgehandelt und sie gehen weiter vorsichtig und gut miteinander um, ohne sich gegenseitig mehr zu verletzen, als ab und zu aus Versehen passieren kann.

Und diese Gespräche, die noch weiter gehen als im ersten Teil, waren klar eines der Highlights des Buches. Marlowe und Charis tauschen sich nicht nur darüber aus, was im Krieg passiert und was ihre Beziehung ihnen bedeutet, sondern auch, wie diese beiden Themen zusammenhängen und was sie besser machen können. Sie diskutieren über Erfahrungen und Gefühle, aber auch über Machtgefälle zwischen sich und wie sie damit umgehen können. Und sie machen beide Fehler, sie reflektieren ihr Handeln und keine von beiden macht für Lesende den Eindruck, vollkommen fehlerfrei zu sein. Das führte zu einer tollen Atmosphäre des offenen Sprechens, aber auch des Verständnisses dafür, wenn eine von ihnen gerade nicht ordentlich über etwas sprechen konnte. Und noch mehr als im ersten Band spiegelte es sich in den Nebenfiguren wider, dass diese Werte bei der ganzen Gruppe der Rebellion einfach verbreitet scheinen.


Die Nebenfiguren wurden ebenfalls dreidimensionaler und bekamen mit noch mehr Platz und durch mehr Erzählperspektive von Charis auch eigene Plots. Dabei hatten diese Plots eine angenehme Tiefe – sie waren interessant, sie gehörten zum Hauptplot, aber sie nahmen Marlowe und Charis nicht allen Raum. Dadurch blieb auch die Beziehung zwischen Marlowe und Charis wichtiger Plot des Buches, und auch der Hauptplot wurde zu Ende geführt. So etwas gelingt nicht immer in zwei Büchern, doch hier ist sowohl das Pacing als auch der Cut zwischen den beiden Teilen gut gewählt worden. Während im ersten Teil mehr Zeit zur Entwicklung von Marlowe bliebt, bekommt hier Charis Raum, sich weiterzuentwickeln.

Auch Marlowe stolpert über neue Anteile von sich selbst, aber für sie ist es viel mehr ein Lernen, sich selbst treu zu sein. Auch der erste Teil kommt durch, aber viel in Verarbeitung von Erlebnissen, zum Beispiel in vorsichtig und glaubhaft beschriebener Erholung von sexuellen Übergriffen aus dem ersten Teil. Diese unterschiedlichen sekundären Plots bei zwei Hauptfiguren waren spannend zu verfolgen, und durch so viele ausgestaltete Nebenfiguren blieb alles so dreidimensional wie im ersten Teil – aber auch durch neue Schauplätze, neue magische Elemente und eine Rückkehr in eine der am besten beschriebensten Rebellions-Festungen, die ich im Fantasy-Setting je gesehen habe.

Dabei gibt es trotz des düsteren Plots, der immer wieder durchkommt und auch wirklich düstere Folgen hervorbringt, immer wieder wirklich lustige Szenen, die mich lachend zurückgelassen haben. Dadurch wurde auch das Bild der „ernsten, düsteren Rebellion“, die auch nur eine Armee ist, immer wieder abgelöst und es gab eine Atempause. Und fast immer brauchte ich den Atem dann auch – die Kampfszenen werden durch mehr Perspektive von Charis nicht kürzer, sondern ausführlicher, kunstvoller und düster-realistischer.


Dieser zweite Teil zeigt in jedem Sinne, dass Lesende jetzt im Setting angekommen sind. Sie werden in den Plot hineingeworfen und bekommen dabei noch Rückverweise an die Hand – aber mit der neuen Charakterentwicklung, dem fortschreitenden Krieg und der kleinen Gruppe an wichtigen Nebenfiguren gibt es auch große Unterhaltung, wenn der erste Teil erst eine kurze Weile her war. Durch das Ende des ersten Teils vermute ich auch, dass viele die Bücher so lesen werden – es lohnt sich.

Und zuletzt kann ich nur staunend einen Schritt zurück machen und feststellen, dass ich gerade wirklich ein Buch so sehr mochte, das Erzählperspektiven und dabei sogar Erzählzeit wechselt, das im Feenreich spielt und immerhin in Bezug auf die Langlebigkeit von Charis ein unglaubliches Privilegiengefälle in der primären Beziehung hat. Diese Elemente, die mich oft abschrecken, wurden hier so unglaublich gut genutzt, dass sie die wunderbare primäre Beziehung nur unterstrichen haben. Der Plot um Marlowe und Charis herum ist fantastisch, sie bekommen beide Raum, einzeln und zusammen, und jede gemeinsame Szene machte mir wieder klar, dass eine lesbische Beziehung – gerade auch in einem Fantasy-Setting – alles andere als selbstverständlich ist. Und allein diese Erkenntnis, und das warme Gefühl beim Lesen und beim Wiedererkennen von mir selbst, lässt mich die Bücher noch mehr lieben.

Zu guter Letzt: Wer keine E-Books liest, sollte sich nicht abschrecken lassen, der erste Teil ist gerade auch als Taschenbuch erschienen!


CNs für das Buch: Erholung von früheren sexuellen Übergriffen, Panikattacken, teilweise ableistische Sprache, Fantasy-typisches Setting (Krieg, Waffen, Verletzungen)


Leni Wambach: Die Jahresprinzessin, Bd. 2 – Klinge der Zeit
Carlsen E-Book, 476 Seiten
ISBN: 978-3-646-60577-8

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