Buch "Clap When You Land" vor einem Regalbrett in einem gefüllten Bücherregal.

[Rezension] Elizabeth Acevedo: Clap When You Land

[Inhaltswarnungen für die Rezension: sexuelle Übergriffe, Flugzeugabsturz, Tod eines Elternteils]


„Clap When You Land“ ist zunächst einmal kein typischer Roman. Zwei Schwestern erzählen gemeinsam einen Plot, aber das eher experimentell und größtenteils in moderner Lyrik, die oft ellipsenhaft ausformuliert ist und nur teilweise in ganzen Sätzen. Dadurch ergibt sich nicht nur ein spannender Romanplot, sondern auch ein besonderer Ton, der sich nicht so schnell lesen lässt wie Prosa in ganzen Absätzen, aber der sich ebenso wenig einfach weglegen lässt, bevor zumindest ein Teil des Plots passiert ist.

Als die beiden Erzählerinnen durch einen Flugzeugabsturz ihren gemeinsamen Vater verlieren, kommen sie miteinander in Kontakt, und trotz der völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten von Yahaira an der Ostküste der USA und Camino in der Dominikanischen Republik verbindet sie direkt mehr als nur der gemeinsame Vater. Beim Versuch, sich kennenzulernen, prallen die Realitäten aufeinander: Caminos Hoffnung auf ein Studienvisum für die USA wird von Yahairas Familie als sinnloser Traum gesehen – am liebsten würde die Familie ihre Existenz wieder unter den Teppich kehren, wo sie bis vor ein paar Jahren vor dem Plot auch versteckt lag.
Yahaira selbst sieht das jedoch anders und lernt immer mehr über Seiten von ihrem Vater, die sie nie gesehen hat. Und beide Schwestern kommen mit der unvermeidlichen Frage des Lebensstandards an unterschiedlichen Orten im Kapitalismus in Kontakt und mit der Frage, was davon gerecht ist und sich zumindest für einzelne Personen ändern lassen könnte. Es geht um Eltern und Kinder, bi racial Aufwachsen zwischen zwei Kulturen, aber auch um den Alltag in einer queeren Beziehung und um den Umgang mit übergriffigen älteren Männern und den Wunsch nach einem Neuanfang.

Die parallele Jugend der Schwestern hat einiges gemeinsam, auch wenn die beiden völlig unterschiedliche Probleme haben. Doch die Probleme werden einfühlsam beschrieben, bis hin zu detaillierten Beschreibungen von sexuellen Übergriffen und dem Gefühl dabei, deshalb nicht einfach nicht mehr vor die Tür gehen zu können. Und diese Teile des Plots schienen hier nicht nur sensationsbedingt – auch, weil sie im Roman eben nicht nur in der Dominikanischen Republik passieren und passiert sind.
Um solche Erfahrungen herum bildet sich langsam ein Kontakt zwischen den nahen Netzwerken der beiden Schwestern, die ausschließlich aus Frauen bestehen. Dieses Zusammenwachsen und der entstehende Dialog – auch wenn er anfangs nicht auf Augenhöhe stattfindet – war an sich schön zu lesen, wies aber am Ende doch wieder viele cissexistische Aspekte wie das Gleichsetzen mit einer Geburt und „Frauenangelegenheiten“ auf.

Eine Besonderheit wird vermutlich einigen Lesenden zu schaffen machen: Das Buch ist in dieser Ausgabe nicht nur auf Englisch, sondern verwendet auch immer wieder einzelne Sätze oder Monologteile auf Spanisch. Die werden auch nicht alle übersetzt oder so eingeordnet, dass sie ohne Sprachkenntnisse verstanden werden können. Für mich war das ein tolles Stilmittel, aber ich vermute, es hält berechtigterweise Lesende auf, die kein Spanisch verstehen können.


Das Buch verdient neben den Content Notes im Plotaufbau auch noch einige andere, daher ist hier die Aufzählung für mich sehr relevant:
Versuchte Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe (graphic), Flugzeugabsturz, Tod (eines Elternteils), Rassismus, (Cis-)Sexismus, Geburt, Frühgeburt, Verletzungen, Krankheiten.

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