Buch "Ace in Space" von Judith und Christian Vogt vor einem Bücherregal

[Rezension] Judith und Christian Vogt: Ace in Space

Wenn ich zu einem Buch von Judith und Christian Vogt greife – besonders zu einem aus den letzten Jahren – dann habe ich inzwischen Erwartungen. An Diversität unter den Figuren, voll ausgestaltete und dreidimensionale Figuren, gutes Worldbuilding mit Tiefe – und eigentlich auch noch an referenzierte, ironisch betrachtete und überwundene Genre-Grenzen (wo ich schon mal dabei bin). Nicht jedes Buch bisher erfüllte diese Erwartungen sofort, aber alle definitiv irgendwann.

„Ace in Space“ erfüllte meine Erwartungen und Hoffnungen sofort. Eine Antiheldin mit der Selbstdisziplin einer Soldatin und dem Selbstwert einer gescheiterten Idolfigur, wie ich sie seit den Hunger Games vermisst habe (und ja, Vergleiche sind uncool, aber das ist meine Herzensfigur, die muss manchmal herhalten). Wieder ein Entwurf von spannender Sprache, der gleichzeitig vorhandene Sprache referenzierte, aber dabei nicht etwa vorhandene Sprachen oder Sprachformen aus unserer Gesellschaft abwertete. Und genauso setzte sich die Gruppe der Aussätzigen zusammen, die zentral für die Geschichte ist. Eine Mischung mit Vibes aus den Rebellen von Star Wars, einer Flieger*innenstaffel aus Battlestar Galactica, der Crew der Firefly – und einer Gruppe queerer Menschen im Hier und Jetzt.

Und Hopepunk. So viel Hopepunk. Das Konzept einer Zukunft mit Hoffnung, die inklusiver und verständnisvoller wird, selbst am gefühlten Ende des Universums im Äquivalent einer Rockerkneipe. So eine unmöglich erscheinende Kombination, und hier geht die Geschichte schon einfach so los, ohne dass sie oder eine Figur sich dafür irgendwie erklären muss. Queere Figuren sind mal unsicher. Aber erklären muss sich hier niemand, auch nicht vor unsympathischen Figuren, denn der gesellschaftliche Konsens ist hier ein utopischer, völlig anderer, und das zu lesen, tat mir wirklich gut.

Und dazwischen entwickelt sich eine der besten Storylines, die ich dieses Jahr in irgendeinem Medium gelesen, gesehen oder gehört habe. Mit Tiefe, mit Parallelen, mit Verweisen auf Konflikte unseres Jahrzehnts (und expliziter Stellungnahme dazu) – und dem üblichen, wunderbaren Erzählstil, der seitenlang mitreißt und dann auf dem Höhepunkt der Erzählung Lesende plötzlich in ein Vakuum einer faszinierenden und langsamen Szene zieht, immer wieder. Die zentrale langsame Szene hat mich so umgehauen, dass ich das Buch weglegen musste (ich weiß nicht, wann mir das zuletzt passiert ist, vielleicht mit 15). Und ich musste es sofort noch einmal lesen, weil es mich so abgeholt und mitgenommen hat.

Die Story ist toll, die Umsetzung ist noch besser – Ich weiß nicht, was es Besseres gibt, um sich gerade eine Pause vom Jetzt zu erlauben. Auch wenn ihr, wie ich, kaum Science Fiction lest: Probiert es mit diesem Buch. So eine eindrucksvolle Vorstellung davon, wie dieses Genre sein könnte. Keine Final Frontier, sondern selbst in dystopischen Vorzeichen eine Welt voller Partikel, Richtungen und Raum. Für alle.

[Abschließende Bemerkungen: Kenntnisse aus dem RPG sind zum Verständnis des Buches absolut nicht nötig. Und: Der Ach-je-Verlag, der das Buch verlegt, hat gerade ziemliche Schwierigkeiten. Wenn ihr überlegt, das Buch zu kaufen oder einer Bibliothek vorzuschlagen, tut ihr also gleich allen möglichen Menschen etwas Gutes und werdet so Teil von Hopepunk im Real Life!]

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